Leseprobe

447 BC

Dunkle Wolken zogen von der Ägäis herauf und schoben sich vor

die Sonne, die Athen bis eben in den schönsten Farben hatte

erstrahlen lassen. Die zahllosen Einheimischen, Besucher und

Händler, die die gepflasterten oder geschotterten Straßen wie an

jedem Spätsommertag bevölkerten, blickten zunächst erstaunt in

die Höhe, bald jedoch stoben sie ebenso synchron auseinander.

Der schwarze Himmel öffnete seine Schleusen und ein

ungewöhnlich langer Platzregen ging über der Stadt nieder.

Die Menschen flohen in ihre Unterkünfte, die zahlreichen

Tempel oder die wie Sand am Meer vorhandenen Tavernen, in

einem der gehobeneren Stadtviertel aber stand ein kleiner Junge

allein im strömenden Regen. Seine schulterlangen Haare klebten

an Kopf und Hals, sein kleiner Chiton war durchnässt, als hätte er

in ihm gebadet, und doch schien er nicht einmal zu bemerken, wie

die dicken Tropfen auf ihn einprasselten.

„Alkibiades, willst du dir den Tod holen?“ Ein tattriger,

alter Mann trat zwischen die blau und weiß gestrichenen Säulen

des Hauses, vor dem der Junge stand. „Stell dich wenigstens unter,

wenn du schon nicht reinkommst.“

Der kleine Alkibiades mochte den alten Periandros, in

dem er einen Onkel sah, obwohl er bereits verstand, dass er kein

Familienmitglied war, sondern seinem Vater gehörte.

Nichtsdestotrotz tat er so, als bemerkte er ihn nicht, stattdessen

beobachtete er weiterhin die unendlich vielen Regentropfen, und

wie sie auf dem Straßenpflaster zerplatzten. Sie erinnerten ihn an

eine Geschichte, die ihm Periandros vor einigen Tagen erzählt

hatte, von einer lange zurückliegenden Schlacht, in der nur wenige

Spartiaten gegen eine gewaltige persische Übermacht gekämpft

und beinah gesiegt hatten. Weder hatte er die Zahlen verstanden

noch Interesse für die Namen des Ortes und der Beteiligten

7entwickelt, die Szenen der Schlacht aber spukten seither in seiner

lebhaften Fantasie herum. Die Perser waren angerannt wie eine

Lawine und gestorben wie die Fliegen, genau wie die

Regentropfen, wenn sie den Boden berührten.

Alkibiades sah die Perser bildlich vor sich, wie sie einer

nach dem anderen auf den spartanischen Pflastersteinen

zerplatzten. Er war völlig in seiner Welt, in der nur seine

Vorstellungskraft zählte und nicht die grausame Wirklichkeit. Es

war ein Moment, in dem er an nichts anderes dachte, nicht an seine

Mutter, die im letzten Jahr gestorben war, und nicht an seinen

Vater, der nie mehr zurückkehren würde. Wenn er in den Regen

schaute, gelang es seinem kindlichem Verstand zu verdrängen,

welche Nachricht der gestrige Bote gebracht hatte. Dass Athen

eine große Schlacht gegen die Böotier verloren hatte und sein

Vater im Kampf gefallen war.

„Kleiner Kyrios, wenn du nicht kommst, muss ich dich

holen…“ Periandros trat aus dem Schutz des Vordaches,

augenblicklich war er klatschnass. „Ich werde krank werden und

deinen fünften Geburtstag nicht mehr erleben.“

Alkibiades fuhr erschrocken herum. Daran wollte er nun

wirklich nicht schuld sein, war der Greis ihm doch neben seinem

kleinen Bruder als einziger geblieben. Die Leibwächter und Köche

hatten sich nicht mehr blicken lassen, seit die Nachricht

herumgegangen war, und die beiden anderen Sklaven seines Vaters

waren wie Diebe in der Nacht verschwunden. So zumindest hatte

sich Periandros dem Jungen gegenüber ausgedrückt. Er lief daher

auf den gebrechlichen alten Mann zu, griff mit der kleinen Hand

nach dessen langen, dürren Fingern und zog ihn zurück unter das

säulengestützte Vordach.

„Ich will nicht, dass du krank wirst…“ Der Knabe

berührte den Chiton des Sklaven, bevor er ihn ernst ansah. „Du

brauchst trockene Sachen.“

Periandros schmunzelte wie stets, wenn sich der Junge wie

ein Erwachsener zu geben versuchte. Für seine nicht einmal fünf

8Lebensjahre besaß er bereits einen ausgesprochen großen

Wortschatz, allerdings lispelte er stark, was ihn noch drolliger

wirken ließ. „Und du, kleiner Kyrios? Willst du denn krank

werden?“

„Ist mir egal.“

Der Alte sah streng auf Alkibiades hinab. Er hätte sich

liebend gern niedergekniet, um von Angesicht zu Angesicht in die

traurigen, blaugrünen Augen des Knaben zu schauen, doch dazu

war sein Körper nicht mehr in der Lage. „So etwas will ich nie

wieder hören! Vergiss deinen Bruder nicht, er braucht dich. Und

denk an die Seelen deiner Eltern. Sie werden nie aufhören, sich um

dich zu sorgen.“

Von den Seelen, die die Menschen nach dem Tode

verließen, hatte Alkibiades bereits des Öfteren gehört, wenngleich

er noch immer nicht wusste, was er sich darunter vorzustellen

hatte. Als seine Mutter starb, hatten die Erwachsenen ihm

ebenfalls erzählt, dass ihre Seele auf ihn blickte, gespürt hatte er

dergleichen jedoch nie. Stattdessen hatte er seine Mutter nie mehr

gesehen, gehört oder gefühlt, und für seinen Vater galt nun

dasselbe. Seelen hin oder her, er war allein zurückgeblieben. Mit

einem kleinen Bruder, der merkwürdig und mitunter gewalttätig

war.

„Deine neue Familie wird sich ebenfalls um dich

sorgen…“ Periandros konnte nur erahnen, was in dem Kopf des

Kleinen vor sich ging. Er hatte ihn so liebgewonnen, als wären sie

vom gleichen Fleisch und Blut, und mitanzusehen, wie diesem

aufgeweckten, hübschen Jungen alles genommen wurde, was für

sein kurzes Leben von Bedeutung war, zerriss ihm beinahe das

Herz. Er spürte sogar echte Schmerzen in der linken Brustseite,

doch die tat er ab. „Aspasia und Perikles bieten dir und dem jungen

Kleinias ein neues Zuhause. Du brauchst es nur anzunehmen und

ich verspreche dir, dass du bald wieder lachen wirst.

Eleusis – Das Erwachen des Löwen, Band 1